Angesteckt vom Leben
Als die Blätter raschelten und ich lernte, weiter zu sehen, als je zuvor
Wir wissen, dass wir den Lauf der Jahreszeiten nicht ändern können. Ich natürlich auch nicht. So ist es nun einmal. Der Herbst kommt vor dem Winter, das war immer schon so. Allerdings verschwimmen durch den Klimawandel die Grenzen zwischen den Jahreszeiten, wie die Kondensmilch ihre Kreise durch den Morgenkaffee zieht.
Ja mei.
Manchmal scheint es sogar, als würde das Wetter dem Kalender eins auswischen wollen. Dann sitzen wir im T-Shirt barfuß auf dem Balkon, umrahmt von Blumenkübeln mit den vertrockneten Pflanzen des Vorjahres — oder gönnen uns ein spätes Feierabendbier hinter bunt belaubten Sträuchern. Ich kann sagen, am besten schmeckt das Bier zuweilen, wenn man sich vorher einige Kilometer dahin auf den Weg gemacht hat.
Als ich ein Schulkind war, hörte ich die Erwachsenen sagen, wie schön doch der Herbst sei; einige sagten sogar, er sei ihre Lieblingsjahreszeit. Als Heranwachsende verstand ich all das nicht so recht. Ja, heute sehe ich regelmäßig Posts in Social Media voll mit bunten Bäumen und Blätterbergen, in denen Hunde herumtollen, die wetteifern um die Zahl der Likes und Follower. Ja, und heute bin ich Teil davon und schicke selbst Bilder davon um die Welt — ohne Hund allerdings.
Damals, auf kurzen Beinen, ging mein Blick eher nach unten. Dort hoch oben in den Ästen der Bäume gab es für mich nichts zu sehen. Viel wichtiger war, was man unten verpasste, wenn man in einem ungünstigen Augenblick nicht auf den Weg achtete. Ihr müsst wissen, dass es zu der damaligen Zeit nur Mobiltelefone mit Textnachrichten gab. Für die Bilder-Übermittlung musste man viel Geld bezahlen — viel Geld für wenig Pixel. Also, wenn ich draußen war, schaute ich nicht auf einen Bildschirm, sondern auf die nächsten Schritte oder auf die Landkarte, wenn wir im Auto saßen, manchmal sogar in ein Buch, das ich für die Schule las, oder ich schaute hinaus und hörte einfach nur Musik.
Der Herbst, das war auch die Zeit des Regens. Den Begriff »Goldener Oktober« konnte ich kaum nachvollziehen. Der Regen füllte Pfützen auf den Gehwegen, überschwemmte manchmal die ganze Straßenbreite, so dass man sich in Acht nehmen musste, wenn ein Auto hindurchpreschte, oder man hatte nasse Füße.
Nasse Socken allein sind ja noch harmlos, wären da nicht die fiesen unsichtbaren Plagegeister, die in solchen Fällen sehr sicher wenige Tage später in meiner Nase ihr Unwesen trieben, und wären da nicht die sichtbaren Plagegeister, formlos, zumal teilweise sehr gut auf dem rauen Pflaster haftend, die man hier zu Lande zuweilen als Tretminen bezeichnet, vom nassen Laub kaum zu unterscheiden.
Und dann die Stürme, welche Angst einjagten. Man musste festhalten, was man unterwegs bei sich trug, und Äste konnten Stolperfallen bergen. Nein, so schlussfolgerte ich, der Herbst war nichts für mich, Frühling war viel angenehmer, alles blühte, hin und wieder kam eine Hummel vorbei.
Kurzum: der Herbst hatte seine Tücken. Sicher gab es für Kinder, wie mich auch manches Schöne, insbesondere Kastanienmännchen ließen sich nur in dieser Jahreszeit basteln. Aber all die Qualen mit den Viren…
Winter »ging viral«
Nun, fragst du dich sicher, wie war denn der Winter für mich?
Als ich Kind war, mochte ich das Winterwetter. Besonders das Weihnachtsfest mit seinem Leuchten und Funkeln hatte es mir angetan, auch die Lieder, die wir sangen, all die Leckereien und natürlich auch die Geschenke.
Man konnte so schön draußen spielen, rodeln gehen, auf zugefrorenen Pfützen ein bisschen schlittern, vielleicht einmal einen Schneemann bauen. Das ist heute viel schwieriger geworden als damals. Schnee ist eine ungewisse Überraschung.
Winter war damals immer eher eine Art Hassliebe. Denn auf der anderen Seite kam der Winter überall hin, man saß mit Jacke in kalten Klassenräumen — mit der Gewissheit, sich trotzdem mindestens einmal im Monat zu erkälten. Man muss wissen, dass mein hochsensibler Hals sich davon fast zugeschnürt und wund anfühlte. Ich verfluchte jede Mahlzeit, bekam kaum einen Bissen hinunter, und die Lutschtabletten, die man mir empfahl, ja geradezu aufzwang, waren grausam. (Begriffe wie Hochsensibilität und Empathie kannte ich damals noch nicht; mir war wohl bewusst, dass ich anders war, vor allem in negativer Hinsicht…)
Das ging soweit, dass ich bestimmte Sänger nicht anhören konnte, wenn sie so klangen, als wäre bei ihnen im Hals etwas angeschwollen, oder wenn die Melodie sich in derselben Silbe rasch eine halbe Oktave hoch oder herunter schwang, was mir das Gefühl gab, eine Erkältung davon zu bekommen, wenn ich nur im Kopf versuchte, mitzusingen!
Wenn die Schule uns ein Präsent gegeben hätte, und eine gute Fee wäre in die Klasse gekommen und hätte jeden Einzelnen aufgerufen und ihm einen Wunsch erfüllt, bestimmt hätte meine eine Freundin aus der Straße sich eine bessere Note in Mathematik gewünscht (es sei gesagt, auch aus ihr ist später etwas geworden), manche anderen hätten vielleicht darum gebeten, dass ihre Eltern sich wieder versöhnen, oder weiß der Himmel, was — meiner wäre schlicht gewesen: Nie wieder erkältet sein!
Aber wie wir alle wuchs auch ich heran — und mein Immunsystem mit mir. Mit der Körpergröße weitete sich schließlich auch mein Blick — doch es dauerte, bis er sich für die Schönheit der Natur öffnete.
🍃🍁🍂🍃🍁🍂🍃🍁🍃🍂🍃
Geh an die frische Luft
Und so kam es in einem Herbst, während ich eine kleine Auszeit von der inspirierenden, doch sich dahinziehenden Forschungtätigkeit an der Universität nahm. Mein Vater hatte durch den Vorruhestand viel selbst gewählte Freizeit und konnte mit uns Ausflüge machen, und so saßen wir im Auto, parkten in einer Vorortsiedlung und zogen los.
Kilometer und Schritte zogen dahin. Plötzlich stellte ich verblüfft fest, dass ich von den Bäumen fasziniert war, mich nicht satt sehen konnte, an all dem bunten Laub. Was war geschehen? Meine Eltern wunderten sich auch sehr, aber selbst ich hatte keine blasse Ahnung, woran das liegen könnte.
Vielleicht lag es am warmen Sonnenlicht in dem kleinen Biergarten auf der anderen Straßenseite, das mein Radler aus einem besonderen Winkel zum Strahlen brachte?
Mein Atem stockte bei etwas anderem…
Beim Betreten des Biergartens geschah etwas Wunderliches:
Auf einmal war mir, als wäre ich wieder ein Kind…
Ich war, Sekunden vorher noch in allerlei Erwachsenenthemen, anstehende Termine und trockene Mathematik vertieft, durch eine unsichtbare Zeitpforte meiner Seele geschritten!
Potzblitz, was war denn das?!
Vielleicht lag es auch an der Radiomusik, die aus einem billigen Lautsprecher zu mir drang, während ich die anderen Gäste fast gar nicht bemerkte.
Irgendetwas musste hinter dem vorsichtig zugezogenen Vorhang meiner Wahrnehmung geschehen sein, welche so daran gewöhnt war, alles auszublenden, auf das ich mich nicht konzentrieren musste.
Diese antrainierte Überlebensstrategie, welche Wunder fast nicht hindurchließ und das Durchqueren eines Gewimmels, wie etwa eines Bahnhofs voll kreuz und quer eilender Menschenmassen, nur einigermaßen ermöglichte, wurde mit einem Mal infrage gestellt.
Anscheinend hatte ich all die Jahre die schönen Bäume vor all dem Wald nicht wahrgenommen.
Als wir das nächste Mal an dem selben See spazieren gingen, oder auch durch einen Wald, musste ich immer wieder zum Handy greifen und Fotos machen. Ich konnte nicht anders — ich musste dieses vergängliche Werk der Natur, das wie für mich persönlich geschaffen wirkte, einfach festhalten. Hier in diesem Artikel sind einige davon, die sich quer durch mehrere Betriebssystem- und Handywechsel erhalten haben — wie auch meine Gedanken, die, trotz einiger Eselsohren und Radierstellen, mit mir an Erfahrung gewannen.
Als die Stürme dann schließlich ums Haus zu heulen begannen, ertrug ich sie mit Gelassenheit, fast wie einen Kinofilm, der mir nichts anhaben konnte.
🍃🍁🍂🍃🍁🍂🍃🍁🍃🍂🍃
Manchmal kommt es mir im Alltag so vor, als würde ich durch eine Filmszene stolpern. Das kann doch alles gar nicht wahr sein, so wundersam wie das ist. Es lädt dazu ein, hier ein Gedicht hinzuzufügen, das ich, berührt durch den Blick aus dem Fenster bei der Hausarbeit, einfach schreiben musste.
Der kleine Baum
Der kleine Baum, so einsam er,
vom Morgentau das Laub hing schwer.
Er stand sich selbst so oft im Weg,
der Wind bog seine Äste schräg.
Die Blätter schwebten einen Tanz,
bedeckten bald die Wiese ganz.
Von bunten Tupfen zugedeckt,
dass alle Sorgen gut versteckt.
Schon bald wird alles wieder grün,
Wenn milde Frühlingswolken zieh‘n…
🍃🍁🍂🍃🍁🍂🍃🍁🍃🍂🍃
Die Lichterkette für den Fensterschmuck zu entwirren, war deutlich leichter, als dem Grund meiner Seelenveränderung auf die Spur zu kommen… immerhin konnte ich das Wunder wortlos annehmen. Ich musste erst so einige weitere Jahreszeiten gehen sehen und schließlich programmieren lernen, um zu verstehen, wie man die richtigen Breakpoints setzt, um herauszufinden, was zum Kuckuck da eigentlich los war. Der Herbst und die Natur an sich behielten fortan ihren Reiz, jedoch … Jahre später … aber das ist ein anderes Kapitel …
Fast geschafft! Ich möchte noch ein bisschen Musik hinzufügen, die ich da oben, ach, jetzt schreibe ich schon »da oben«, also, auf der anderen Straßenseite zu hören bekam.
Erst einmal möchte ich anmerken, dass mein Gedicht eine andere Geschichte erzählt als die meisten Herbst-Songs, die man im Internet findet. Dort geht es meist um Trauer, Verlassenwerden oder Einsamkeit. »Such a sweet September, it’s a time I will remember…«, na ja, mit Ausnahme einiger weniger etwa Daniel Powters Bad Day, auf den ich mich in einem anderen Post bezog:
Beim Hören achte ich auch gerne auf den Text. Die Texte inspirieren mich oft, zuweilen sinne ich ein wenig darüber nach.
🥁🎶🎼
Also sinnen wir hier einmal gemeinsam ein bisschen darüber nach:
Was würdest du fragen, wenn du nur eine Frage hättest?
[…]
Und würdest du dich trauen, genauer hinzusehen,
Wenn Sehen bedeuten würde, (an Wunder) zu glauben […]
Joan Osborne – One of Us (Lyrics), frei übersetzt von mir
Dieses Lied brachte mich auf den Gedanken: Was würdest du sagen, wenn du nur einen kleinen Augenblick Zeit dafür hättest, wenn ein Fremder vorbeikommt, den du ansprechen möchtest — wenn es keine zweite Chance gibt?
Genau diese Frage hing damals zwischen den Blättern in den Bäumen fest bis zu mir herunter in meine junge Seele, erfüllte die Luft mit dem Duft der bunten Blätter, ausgetrocknet unter der goldenen Sonne, als wenn jemand sich davor gedrückt hatte, sie wegzufegen, ohne jede Antwort…
Also: Besser, man ist auf einen solchen Moment vorbereitet. Manchmal muss man auch auf sich selbst vertrauen und daran glauben, dass es überhaupt einen Versuch wert ist!
Es ist ganz klar einen Versuch wert, denn man verpasst sicher alle Versuche, die man nicht macht!
Wenn es dir gefallen hat, kannst du mir gern hier einen Kaffee dalassen.





Man verpasst ganz sicher alle Versuche, die man nicht wagt.