Schlüsselloch auf Reisen
Über Kinderblicke und fehlende Worte
Neulich, auf Substack…
Kindskopf mit meinem Namen drauf:
Bestraft man mich für Fehler? Na klar, immer.
Ist doch wie in der Schule, besonders in Mathematik.
Ich wagte keinen Blick über den Rand:
… oder hat man ein paar erste Versuche frei?
Was, wenn die ersten kleinen Schritte nicht so wichtig waren, wie ich dachte?
Tja, was, wenn…?
Heute weiß ich: Weniger als 10 % dieser übertriebenen Grübelei – weggenommen durch eine Antwort, die keineswegs streng, sondern einladend wäre – hätten vielleicht schon gereicht, um das Problem zu lösen.
Vielleicht wäre ich daraufhin weniger wählerisch gewesen, was Dinge anging, die ich nicht von vornherein bis ins kleinste Detail kannte.
Vielleicht wäre Spontaneität, dieses „einfach loslegen“ zu meiner Grundeinstellung geworden, um die kleinen Hürden des Alltags zu meistern …
Stattdessen blieb eine Anspannung, die wie Zurückhaltung wirkte, mein Begleiter, obwohl es eigentlich nur eine Gewohnheit war, einer Gefahr auszuweichen, die sich mittlerweile fast so anfühlt wie die Gefahr von Regen an einem sonnigen Tag.
Die Gefahr, ein falsches Wort zu sagen.
Die Gefahr, sich zu blamieren.
Eine Gefahr im … Sich-Zeigen an sich?
Tja, was, wenn…?
Lass uns träumen.
Ein Urlaub in den Bergen. Das Frühstück war schon abgeräumt, doch der Tag verging zäh wie Kaugummi. Ein unter Regenwolken, die wie Nebel wallten, verhülltes Tal stellte für uns den Aufenthalt in Innenräumen nicht in Frage, und besonders für mich als Stadtkind sah es draußen einfach zu kühl aus, fast schon herbstlich. Mir wird der Gedanke gekommen sein, dass Nasentropfen und Hustensaft hier oben nicht zu kaufen waren und man wohl einiges verpasste, wenn man sich einen Infekt holte.
Pastellfarbene Tischdecken mit ein paar Brotkrumen, Schritte, die nach oben führten, das Ordnen alltäglicher Dinge an der frischen Luft, die nach Wald und dem Regen von gestern duftete, dann Zahnpastaflecken, die im Badezimmer langsam trockneten, bevor das Zimmermädchen kam und wegwischte, was wir zurückgelassen hatten, die Laken straffte und die Kissen faltete.
Füße in Hausschuhen oder Sandalen hallten leise auf mit Teppich bedeckten Stufen wider, es ging treppab. Diesmal allerdings kamen wir nicht mit leeren Händen, sondern ausgestattet mit einem Spiel und einem alten Kalender als Notizblock, unterhaltsam genug für unsere kleine Familie, bevor es bald Mittagessen gab. An Internet war nicht zu denken, Zeitungen gab es hier oben nicht, auch nichts anderes zu tun… Meine zaghaften Finger ließen Neues zur Gewohnheit werden, bevor mein Verstand überhaupt begreifen konnte, dass es Wichtigeres geben könnte…
Kellnerin: Passt alles bei Ihnen? Einen Kaffee vielleicht, oder eine Limonade, Fräulein? … Frräulein?
Ich, den Blick fasziniert auf einen unsortierten Haufen Holzstäbchen gerichtet, über meinen nächsten Zug nachsinnend, schüttelte den Kopf.
„Äh, nein, … danke” wäre zu viel Gerede.
Nicht nötig, wozu?
Wir spielten weiter Mikado in einer Kulisse der Bewegungslosigkeit.
Die Sonne brach einen Moment lang durch die Wolken,
setzte die Wanddekoration unbemerkt ins rechte Licht.
Mein Blick verharrte in der Nähe vor mir. Gebannt auf die Tischplatte.
Nächsten Holzstab, oh, es hat gewackelt.
Du bist dran.
Minuten verstrichen.
Die Musik erfüllte den fast leeren Raum,
ohne je zu fragen, warum
oder was sie spielen sollte.
Lokale Klänge von Akkordeons und Blasmusik,
unterbrochen von Nachrichtenmeldungen.
Neues für uns?
Noch nicht.
Neues für mich?
Zum Greifen nah, doch…
Hörte ich hin? Nur halb.
Verstand ich, worum es ging?
Noch kaum.
Ein wenig, doch…
Die Höhenstraße, ganz klar unsere, war weiterhin gesperrt.
Die Tischmitte wurde leer.
Zeit für den Punktestand.
Die warme Sonne trocknete letzte Tropfen auf jeder Oberfläche von Belang.
Vögel untermalten Gespräche von Gästen.
Na, Daniela, noch einmal?
Oder möchtest du vielleicht draußen spielen?
Guck, da ist eine Schaukel!
Keine Diskussion.
Ich damals: blickte erstaunt aus dem Fenster, aber… ich…
Trottete zurück, ohne etwas erreicht zu haben – außer seinen Blick zu erhaschen.
(Ich sehe ihn heute noch. Gesicht kurz zu mir gedreht, schien wortlos zu fragen: Na…?!)
Wie … konnte … ich es wagen?
Was wäre wohl geschehen, wenn es nicht so viel schwieriger gewesen wäre, die richtigen Worte zu finden, als Mikado zu spielen?
Was hätte passieren können, wenn ich überhaupt in Betracht gezogen hätte, dass es möglich sein könnte, sich nach einem ersten zaghaften Schritt sicher zu fühlen?
Dass ein Gespräch zwei Seiten umfasst, uns – und die anderen, und wenn sie es gewohnt sind zu reden, könnte es viel einfacher sein. Dass Reden sogar Spaß machen kann, sobald wir erst einmal dabei sind. Dass Fremde nach ein paar Minuten vertraut genug werden können, um weniger „Angst” zu haben.
Inmitten all jener Was-Wenns, sinnen wir einmal zusammen nach, wie die Geschichte hätte weitergehen können. Ich füge nur eine Prise Erzählkunst und lebhafte Fantasie hinzu, um zu zeigen, wie ich mich innerlich in sprachlosen Momenten und sogar bei äußerlich eher alltäglichen Erlebnissen wohl gefühlt hätte.
Ich so: “Oh… hallo…?” Er: ... Moin! lümmelt kaum schaukelnd vor sich hin, schaut auf, grinst. Ich: blicke zu Boden. Ich würde g … darf ich auch mal schaukeln, nur ganz kurz? Er: lässt sich heruntergleiten. Klar doch, … (greift sich ans Kinn) Wie heißt du? Ich: Daniela. Er: Aha... cool! Stellt sich vor. Ich: Hm. ... cool. Wie alt bist du? Er: Rate mal! Wo kommste her? Mit deinen Eltern? Hm. Blöde Frage hier oben, was?... Ich: Berlin. Ja, da drüben… guck, er im karierten Hemd und sie im… Er: (blinzelt) Verstehe! B e r l i n! Ama-zing! West oder Ost? Ich: West. Tatsächlich ganz nah an der Mauer, wir sind hin, als sie offen war. (Ich sehe es heute immer noch, Pflaster unter mir, alles grau in grau...) Er: Ohoh! … Cool! … Klingt geradezu, als hätte ich das auch gern gesehen! Ich: Nun ist sie weg, da stehen bald Häuser… so richtig mit Gärten und so. Frühling wurde es, fast wärmer als heute hier oben, glaub ich. (Begann mich gerade erst fürs Wetter zu interessieren...) Er: Oh, nice ... ich find es nicht kühl hier. — Biste zum ersten Mal in den Bergen? Ich: Na ja, Schwarzwald, aber, soweit ich erinnere, waren wir nie sooo weit oben. Er: Awesome, ja! Aaaber… die Schaukel schafft es noch etwas höher… Er schubst die Schaukel etwas an, behutsam, bleibt daneben stehen. Noch einmal. Und wieder. Was soll schon... Meine Füße kommen höher, es ist fast, als könnten sie die Zweige der Bäume unter mir streicheln, es... Er: Halt dich nur fest… Ich blinzle, während die Sonne den Hintergrund um sein Haar herum erhellt … und schaue weg… Vom Zaun her werden Schritte hörbar, die sich langsam nähern… Er legt eine Hand auf das Seil, um die Schaukel zu verlangsamen, und pfeift. Er: Keine Angst, das ist nur eine Schaukel, keine Achterbahn oder so. Bist du schon einmal damit gefahren? Ich: N-nein. Er: (leicht spöttisch) Hätt’ ich mir fast gedacht. 😁. Vater sagte... ah, da kommt er schon.
Stimme aus dem Hintergrund:
Oh, noch jemand hier?
Ich: Ja (betreten eingehend meine Schnürsenkel prüfend).
Herr: streckt die Hand aus, ich packe zu, wage dann erst, zu schauen, wer da mit mir redet.
Herr: Schön. (atmet tief, greift in seinen kurzen Bart) Nun. Wir dachten, es ist eine gute Zeit für ein Eis, willst du auch was? Ich meine, ihr beiden natürlich!
Ich: Okay, ich gebe nur kurz meinen Eltern Bescheid.
Kellnerin: Vorsicht Fräu…
Herr: Zu Ihnen wollte ich gerade. Wir bekommen bitte die Eiskarte.
Kellnerin: Sofort, mein Herr.
Möglicherweise hätte es einige Fragen gegeben.
Über unsere Geschwister, Haustiere, die Arbeit von dessen und meiner Eltern, und was sie am nächsten Tag planten; überhaupt, woher sie kamen.
Sie könnten sogar angeboten haben, abends zusammen zu essen, wo wir nun schon einmal im selben Gasthof festsaßen, solange die Murenabgänge nicht beseitigt waren.
Wir hätten uns sicher gut die Zeit vertrieben und uns ausgetauscht.
Manche Leute tun so etwas gern.
Später traf ich Leute, die in deutlich weniger verfahrenen Situationen so handelten.
Aber es fiel mir immer schwer, entspannt und locker zu bleiben, zumindest nicht beim ersten Zusammentreffen… abgesehen von ein paar Ausnahmen natürlich.
Erst nach solch wenigen Ausnahmen wurde es besser, es fiel mir viel leichter, mich an einem neuen Ort einzuleben.
Ein gewöhnlicher Abend
Das waren meine eigenen Gedanken, die sich aus der Wahrscheinlichkeit ergaben – natürlich ganz ohne KI, aber mit einer großen Prise Einfühlungsvermögen und Ideen, die aus meinen Erfahrungen mit einigen ähnlichen oder anderen Situationen entstanden sind, basierend auf dem Wissen, das ich heute habe.
Stattdessen verging der Tag, ohne dass ich ein Wort zu den anderen Gästen sagte.
Dennoch spürte ich, als wir bezahlten und nach oben gingen, etwas Besonderes in mir.
Obwohl ich das Essen in einem Restaurant schon seit meiner Kindheit kannte.
Obwohl das Überprüfen der Rechnung nichts Besonderes mehr war.
Obwohl eigentlich nichts besonders war, oder doch?
Der Bergblick… nie dagewesen. Ja, klar, und doch:
Etwas lag in der Luft, das den Raum über unserem Tisch erfüllte,
etwas, das ich nicht beschreiben oder gar begreifen konnte…
Es machte den ganzen Urlaub besonders — weit mehr als als alles davor.
Sogar um einiges mehr als vieles danach.
Die Abende waren lustig, die Tage recht eintönig, doch:
egal wie regnerisch,
egal wie farblos die Straßen schienen, als wir hinunterkamen:
egal wohin wir fuhren, immer auf der Suche nach Unauffindbarem:
in mir war dieses kleine Licht, dieses namenlose Gefühl…
Egal wie schlecht der Radioempfang war,
egal wie wenig sie meinen Eltern zusagte, die Musik machte mich neugierig, aber:
egal wie trostlos die immer gleichen Kassetten von Hans Hartz’ Lied von den weißen Tauben an mir zupften, es ließ sich nicht völlig vertreiben… es zeichnete die Konturen nur noch deutlicher nach, als ginge es um mehr als nur um Punkte in einem Stäbchenspiel.
Klassenfahrten, Urlaub im Allgäu…
Ich ertappte mich dabei, zurückzublicken, nicht um zu vergleichen, sondern als ob ich nur auf Reisen durch ein Schlüsselloch meines Bewusstseins erneut meinen alten Gedankenfilm sehen durfte… und wurde selbst bei eintönigen Reisen traurig, wenn wir heimfuhren.
Allmählich mutierte das Radio auf Ausflügen oder zu Hause zu einer Art emotionalem Schlüsselloch. Schwer zu beschreiben…
Simply Red: “I wanna fall from the stars…” Ich, Bammel vor dem Abhang hinterm Zaun, fiel aus allen Wolken über meine eigene Unzulänglichkeit…
Die Gäste reisten wohl bald ab, wenn meine Erinnerung mich nicht trügt.
Wir blieben — und genossen eine Autofahrt im Sonnenschein.
Meine Wortlosigkeit ließ einen Makel an mir haften, welcher Aktivitäten mit Gleichaltrigen zusätzlich erschwerte…
Hätte ich es gewagt, egal wie holprig, wäre aus dem Traum etwas geworden, das solche Szenen vermutlich deutlich angenehmer gemacht hätte…


