Ungefragt wach
Als meine Nachtruhe an einem einzigen Saugnapf hing
Neulich ging ich gerade im Traum durch eine schöne Landschaft. Überall blühte es, und ich hatte soeben mitten im Chaos eine schöne Entdeckung gemacht, bis diese sich mit einem Mal in grollendem Lärm auflöste und mich mit sich zog. Allmählich gewöhnten Ohren und Verstand sich an die Kulisse und ließen belanglose Alltagsbegriffe erkennbar werden. Anscheinend gab es eine Auseinandersetzung. Kein Wunder, dass deren Inhalt sich mir zwar nicht im Geringsten erschloss, doch verstand ich zwischen den Zeilen, es sei wohl Zeit, aufzustehen.
So nahm ich meine Siebensachen, schlurfte ins Bad und fing an. Das heißt, ich wollte eben anfangen, da spürte ich ein menschliches Bedürfnis, das ich natürlich zuerst erledigte. Meine Erledigung rann mitten hinein in eine schwere Stille, die mich ratlos machte. Wie ich so dasaß, fühlte ich mich unwohl, irgendetwas schien nicht zu stimmen. Was war geschehen? War mein Wecker kaputt, oder war ich, wie so oft in letzter Zeit, direkt wieder eingeschlafen? War man schon mit dem Frühstück fertig und hatte mich schlafen lassen wollen — wo doch meine Anwesenheit bei jedweder Zusammenkunft als unabdingbar galt?
Mit leicht schwankenden Schritten auf kalten Fliesen machte ich mich auf den Weg in die Küche, um mir ein Glas Sprudelwasser einzuschenken. Zwischen den krisseligen Grauschleiern, die bei Tag wie Gardinen aussahen, hing noch die Nacht, und von Kaffeeduft oder Frühstückskrümeln fehlte jede Spur. Da stand ich nun, um 2:43 Uhr, zitternd in Badeschlappen, wie Monsieur Collignon in »Die fabelhafte Welt der Amélie« auf dem Wochenmarkt, nachdem Amélie ihm gerade einen Streich gespielt hatte — allein auf weiter Flur, von Kollegen keine Spur.
Ich fühlte mich verdattert wie er, stampfte mit dem Fuß auf und machte meinem Ärger Luft, erhielt jedoch keine zufriedenstellende Antwort. Es half nichts. Also packte ich alles wieder ein, trollte mich davon und drehte noch ein paar Traumrunden; wohl hatte ich es dabei etwas bequemer und wärmer als der Monsieur auf dem Blumenkohl.
Beim Frühstück wurde ich aufgeklärt: Es war etwas schier Unaufschiebbares in der Nacht aufgetreten, klein wie ein Saugnapf, doch so groß wie das Fenster, an dem er nicht mehr hing, abgestoßen von Luftdruck- und Temperaturschwankungen hatte er auf der Seite gelegen, wehrlos wie ein müdes, von Koliken gepeinigtes Pferd. Auf diese Weise vom Zaun gebrochene Auseinandersetzungen durch sekundenlanges Betreten von privaten Räumen gehören natürlich ausgetragen, auch bei Nacht und Finsternis, Schlafen ist Nebensache.
Ein leises Emporstrecken des Arms hätte wohl genügt, oder ein Zettel mit einem Stichwort, zu erledigen am nächsten Morgen. Ich hingegen kann sogar im Dunkeln schreiben, und niemand hört mich dabei atmen. Ich habe kürzlich eine Schachtel Magentabletten im Schubfach am einzelnen Punkt am zweiten Buchstabenplatz der Braille-Aufschrift erkannt. Genial, oder? Nicht, dass ich welche gebraucht hätte — doch das leise Auffinden von Gegenständen aus Rücksicht auf Mitbewohner hat mir das Leben in geteilten, nur durch Vorhänge abgedunkelten Schullandheim- oder Hotelzimmern schon frühzeitig beigebracht.
Und doch, man höre und staune, bin ich unfallfrei gefahren; nicht mit einem Auto freilich — sondern mit einem Einkaufswagen, diesem rollenden Symbol bürgerlicher Restwürde. Leicht bergauf zerrte ich ihn voran, auf schräg geneigten Wegen durch jenen heimtückischen, knirschenden, tückisch unter den Rollen nachgebenden Splitt, der offenbar einzig und allein zu dem Zweck liegen bleibt, damit Winterdienstmitarbeiter dies beim nächsten Schneeschauer auch können. Ein Triumph der Motorik über die Müdigkeit, bzw. umgekehrt.
Der Cursor kommt schon nicht ganz mit. Auch er, dieses kleine blinkende Sinnbild digitaler Gefügigkeit, schien die Ereignisse der Nacht nur widerwillig zu verarbeiten. Er hinkte hinterher, stolperte über meine brüchigen Gedankenhalbsätze, blieb layoutbedingt unterhalb der gefüllten Kommentarspalte hängen und signalisierte mit minimaler Verzögerung seine stille Überforderung. Die damit konfrontierte KI räsonierte flachwitzverdächtig, ob auch er aus einem digitalen Traum gerissen worden sei, irgendwo zwischen Speicheradresse und Bildwiederholrate.
So sitze ich nun hier, mit einer bleiernen Restmüdigkeit, die ihresgleichen sucht, und betrachte diese Nacht als das, was sie war: eine unautorisierte Intervention in den persönlichen Schlafhaushalt, eine Hommage an alle, deren Geist immerhin halb so flexibel wie ein in der Sommersonne ausgedörrter Ast ist1, für die Rücksichtnahme ein Konzept ist, das nachts offenbar kollektiv in den Müllschlucker wandert, andererseits ein leiser Schulterklopfer für all jene programmierenden, schriftstellerisch ambitionierten Quereinsteigerinnen, die solche Szenen sogar mehrfach überlebt haben. Alles lief irgendwie weiter, holprig und doch funktionierend, nur begleitet vom leisen Knirschen des Splitts unter trockenen Stiefeln auf harten Fliesen und umsäumt von fettigen Bratensauceflecken.
Am Schluss ein Gedicht.
Denn ganz ohne geht es nicht!
Allein stand ich auf weiter Flur,
Die Uhrzeit hatte mich erschreckt:
Man hatte mich zu früh geweckt.
Mein Atem widerhallte nur
An Wänden, kalt und voll Verdruss.
Man hatte wohl ganz ungeniert
Die Nachtruhe glatt ignoriert.
Dumm, dass man dennoch aufsteh’n muss.
Geklärt war manches nicht, ich weiß.
Das Wetter zeigte noch Gefühl,
Die Luft war nicht mehr ganz so kühl.
Der Regen bildete kein Eis.
Ich rollte hurtig durch den Splitt…
Der Einkauf klappte immerhin,
Das Schreiben hier ergab noch Sinn.
Der Cursor kam schon nicht ganz mit…
Wenn es dir gefallen hat, kannst du mir gern hier einen Kaffee dalassen.
Als Kind bestand eins meiner Hobbys darin, die Bruchfestigkeit heruntergefallener Zweige zu prüfen.



